„Rund ist lebendig“ – (M)eine Erfahrung – Jurtenbauworkshop mit Claudius Kern

„ Und die Kern-Aussage ist: Rund ist lebendig.“ Nicht nur einmal hatten wir großen Spaß wenn es um die „Kern“-Aussage ging, angeregt durch die Teilnehmer, dass Claudius nochmal das Wichtige auf den Punkt bringt. Und da steckt nicht alleinig Wissen drin. Vielmehr Weisheit – durch praktisches Tun, logisches Denken und Umsetzen erfahrbares Wissen. Erkenntnisse, die mit allen Sinnen begriffen werden können, einen berühren und bewegen.
Als ich das erste mal in diesem von unseren Händen selbst erschaffenen runden Raum stand, als sich das letzte Wandstück zum Zylinder schloss, wurde schlagartig klar: Ja, Rund ist lebendig!
Aber nun mal von vorne. Sozusagen chronologisch…obwohl bei Claudius weniger Chronos, der Gott des stetige Zeitflusses, die Hand führt, sondern eher Kairos, die Zeitqualität…Gott des wertvollen Momentes.

In unsrer Forschungsarbeit – natürliches Wohnen – beschäftigen wir uns mit bewussten Kulturen und deren Bauten. Wo und wie haben sie gewohnt und sich versammelt. Welche Form haben sie gewählt und wie haben sie diese erschaffen? So interessierte uns schon seit längerem Claudius sein Wirken. Und so fing es damit an, dass meine Frau und ich uns eines Tages dachten: Wäre doch super, wenn Claudius mal wieder einen Jurtenbauworkshop anbietet, am besten bei uns in der Nähe und ich dort mitmachen könnte. Um direkt meine Erfahrungen zu machen mit einer sehr alten Bauform in dieser neuen Zeit. Gedacht wohlgemerkt. Eine Woche später schreibt Claudius in seinem Kanal: Für Schnellentschlossene bietet er in knapp zwei Wochen einen Jurtenbauworkshop in einem Nachbarort von uns an.

Ähm…OK :-)… Also war alles klar. Was mich erwartet, war und musste nicht klar sein…aber es war klar, dass ich Claudius treffen und mit ihm Zeit verbringen werde.
Als der Workshop losging, ging es erst mal um vieles andere, sehr spannend, aber nicht um den Bau einer Jurte. Und dann legten wir irgendwann doch los. Keiner wusste genau, was Claudius sagte oder meinte, es kam vieles aus ihm heraus… Aber nein, ich wusste es schon!…ich verstand …doch irgendwie nicht so, wie ich es gewohnt war.

Beginn…

Eine Teilnehmerin sagte nach zwei Tagen: Irgendwie ist das doch kein normaler Workshop…das ist irgendwie anders…mehr. Wie es den anderen Teilnehmern ging? Das müsst ihr sie selbst fragen :-).
Eines wurde mir von Anfang an klar: Jurtenbau ist EINE Form einer HALTUNG, die weit mehr umfasst, als „nur“ eine Wohnstätte zu bauen. Und Claudius hat viele Erfahrungen selbst gemacht, hat Wege beschritten, die sich im Neuland bewegten und hat sich vieles erarbeitet – weil es keine Vorlage gab – die er seit Jahren mit Herz und Seele an uns weiter gibt…aber meist geht das nicht Chrono-logisch sondern eben über den „wert-vollen-Moment“…auf verschiedenen Ebenen.
Versucht einmal selbst, eine Erfahrung, einen Prozess über mehrere Jahre, in eine Chronologie zu bringen, die genau das Komplexe der Erfahrung widerspiegeln soll…damit kann ich ihn verstehen.

…Fortschritt

OK, Ich ließ mich darauf ein und mit der „Zeit“ ist alles einfach passiert. Es gab Abläufe, Unterbrechungen, Hitze, Gedanken, Gespräche, Überlegungen, Erkenntnisse, Wiederholungen und dann immer wieder viele Fragen. Manche blieben offen, aber das allermeiste beantwortete sich am Ende mit dem Moment, wo die Jurte fertig da stand.

…Fertig!

Und alle Schritte durfte ich mitgehen…selbst gestalten und machen, Verstehen, Fragen stellen und die Antworten erfahren. Warum nehme ich dieses Holz und nicht jenes? Wie ist das mit dem Taupunkt…schimmelt meine Jurte irgendwann zusammen? Nehme ich den Cosinus oder den Sinus und was ist die beste Technik, wenn ich nur zwei Hände habe statt vier? Macht es einen Unterschied, wo die Jurte steht und welche Vor- und Nachteile haben eigentlich HDF-Platten? Wieso nicht ganz romantisch Filz und Scherengitter sondern Holzplatten und Schüttdämmung? Wie ist die Lastverteilung? Biologisch, Ökologisch, Metaphorisch oder doch Klassisch? Tierhäute oder Glaswolle? Wie ist da die Moral, der Spirit, das Gutmenschliche oder das Vollkommene? Aha, ein Millimeter Abweichung am Boden, sechs Zentimeter Abweichung im Dach…Genauigkeit muss immer wieder abgeglichen werden und bei Rund ist nichts fest, aber exakt.
Alles was ich erfahren wollte, durfte ich erfahren und selbst ausprobieren. Musste aber nicht. Claudius hat immer selbst mit angepackt und das war auch gut so. Denn Unsicherheit kam immer wieder auf. Hab ich wirklich richtig gemessen? Das Material ist knapp…teilweise sehr knapp. Alles wird verwendet. Und ein Moment, den werde ich nie vergessen.
Am Ende eines zwölf Stunden Tages kamen wir auf einmal mit unserer Abmessung nicht mehr hin…irgendwas stimmte nicht. Claudius kam dazu:“ Wir haben uns vermessen…statt einer 36er haben wir eine 24er Einteilung gemacht und dann aber auf 36 aufteilen wollen“… Was??…wir können alles nochmal neu machen?…ein halber Tag in der Hitze umsonst?…
Nein, denn mit dem Schock saßen wir da, resigniert. Und nach einem kurzen Augenblick kam eine Eingebung: Nein, wir haben richtig gemessen, aber durch ein fehlendes Holzstück im Boden konnten wir ein paar Markierungen im Vorfeld gar nicht machen. Wir mussten improvisieren und hatten nach 12 Std. genau dieses einfach vergessen.
Die Einteilung stimmte, nur ein Paar Striche fehlten. Puh, alles wieder gut. Claudius: „Aja, genau, na passt eh, dann mach ma fertig“ :-).
Kairos, der wert-volle Moment. Er verkörpert den Wert der Zeit für unser Leben.

Vielen Dank lieber Claudius, Ich habe das Gefühl nun eine Jurte bauen zu können…oder eine neue Form. Eine lebendige Wohnstätte, ein Tempel. Es meinen Kindern irgendwann weitergeben. Denn dass, was ich gelernt habe, ist nicht etwas zu kopieren, sondern etwas, dass Sinn hat neu zu erschaffen!

Und wieder zu Hause, da lag ein Hühner Ei auf unserem Tisch .. und ich sah es geschafft aber seelig an…ich sinnierte, …wie schön, …wie perfekt diese Form ist, in der neues, wunderbares Leben entsteht und heranwächst ;-)…

Euer Lars